Bei der Möhrenernte zählt jedes grüne Blatt
Nur knapp 60 Prozent der Ernte kommen als marktfähige Ware in den Handel
L P D – Was ist bei einer Möhre wichtiger, das grüne Ende über der Erde oder der orange Teil in der Erde? „Für die Ernte ist das Laub entscheidend, weil wir die Möhren daran vorsichtig aus dem Boden ziehen“, erläutert Wilhelm Rathing, der im Weserbergland auf rund 30 bis 40 Hektar Bio-Möhren anbaut. Wenn die Gesundheit des Laubes durch Frost oder Pilzkrankheiten leidet, sei dieses schonende Prinzip schwierig. Er peilt daher ein Ende der Ernte um den 10. November an. „Danach steigt das Wetterrisiko zu stark an“, lautet Rathings Erfahrung. Schon im Sommer hatte das Wetter den Pflanzen zugesetzt. „Pflanzen, die bei Temperaturen über 38 Grad Celsius im Schatten gerade keimen, sind durch die Sonneneinstrahlung verbrannt“, sagt er.
Sechs bis acht verschiedene Möhrensorten sowie Kartoffeln, Rote Beete, Pastinaken, Wurzelpetersilie und Zwiebeln baut Rathing auf den Feldern von Gut Oehrsen an und vermarktet sie über eine Erzeugergemeinschaft an den Lebensmitteleinzelhandel, an einen Babykosthersteller oder an Safthersteller. „Manche Sorten eignen sich auch besonders gut, um andere Lebensmittel einzufärben und werden speziell dafür angebaut“, sagt Rathing. Mit rund 3.340 Hektar wurde im vergangenen Jahr auf 23,6 Prozent der Möhren-Anbaufläche in Deutschland ökologisch bewirtschaftet. Dies ist die größte ökologisch bewirtschaftete Anbaufläche unter allen Gemüsesorten. Mit Blick auf die Gesamternte stammt jede fünfte Möhre in Deutschland aus ökologischem Anbau.
Mit der diesjährigen durchschnittlichen Ernte ist er bislang zufrieden, doch nicht alle Möhren, die er aus dem Boden holt, schaffen es später auch als Frischware in den Supermarkt. „Nur 55 bis 60 Prozent der frischen Ernte kommen als marktfähige Ware in den Handel“, muss er feststellen. „Das ist zwar verständlich, teilweise aber auch etwas überzogen, da oft nicht aufgrund mangelnder Qualität, sondern nach rein optischen Merkmalen aussortiert wird“, findet der Landwirt. Weise die Möhre nur geringe Abweichungen auf, sei zu krumm oder erfülle die Vorgaben des Kopfdurchmessers nicht, kaufe die Erzeugergemeinschaft die aussortierten Möhren zurück und liefere sie an einen Safthersteller.
Niedersachsen gehört zu den wichtigsten Möhrenanbaugebieten Deutschlands. Mit 163.125 Tonnen liegt das Bundesland laut Statistischem Bundesamt nach Nordrhein-Westfalen bundesweit auf Platz 2. Der Selbstversorgungsgrad betrug im Wirtschaftsjahr 2024/25 in Deutschland gut 79 Prozent. Aber nicht nur bei den Gemüsebauern sind Karotten beliebt. Auch bei den Verbrauchern erreicht sie laut Bundeszentrum für Landwirtschaft (BZL) mit 11,2 Kilogramm im Wirtschaftsjahr 2024/25 Platz 2 hinter den Tomaten mit 27,6 Kilogramm.
Bevor die Möhren in den Handel gelangen, müssen sie gewaschen und von der Erde befreit werden. „Da haben wir im Biobereich in Niedersachsen leider nur wenige Kapazitäten“, sagt Rathing, der auf seinem Hof über keine eigenen Waschmöglichkeiten verfügt. Dank seiner Lager- und Kühlkapazitäten kann er jedoch von Juli bis März/April des Folgejahres Möhren dorthin liefern. „Die hohen Logistikkosten schränken unsere Wettbewerbsfähigkeit ein“, sagt Rathing. Die hätten sich in den vergangenen sechs bis sieben Jahren nahezu verdoppelt. (LPD 83/2026)
Ansprechpartnerin: Wiebke Molsen, Tel.: 0511 3670476, wiebke.molsen@landvolk.org